Wogegen wandte sich Husserl 1891?

Husserl Studies 28 (2):95-120 (2012)
Abstract
Eine vollständige Darstellung von Edmund Husserls Verhältnis zu Gottlob Frege steht noch aus, so dass es nicht verwundert, einige Missverständnisse, dieses Verhältnis betreffend, im Umlauf zu finden. Selbst scheinbar längst überwundene systematische Dogmen tauchen wieder auf, so z.B. die Auffassung, dass Husserl nicht nur entscheidend von Gottlob Frege beeinflusst wurde, sondern darüber hinaus auch seine schärfste Frege-Kritik 1891 zurückgenommen habe. Mein Beitrag enthält eine überwiegend historisch vorgehende Entgegnung auf solche fälschlich vertretenen Ansichten wie sie sich auch in dem neu erschienenen und mit vielen dokumentarischen Belegen versehenen Frege-Kommentarbuch von W. Künne finden. Die wichtigsten Argumente, die in diesem Buch gegen Husserl gerichtet werden, stützen sich auf Stellen in Husserls Frühwerk, die zwar sehr aufschlussreich für die Beurteilung des philosophischen und menschlichen Habitus Husserls in den 1890er Jahre sind, nicht aber Künnes Thesen stützen oder gar beweisen können. Die als zurückgenommene Frege-Kritik verstandene Selbstkritik Husserls betrifft jedoch nach meinen Darlegungen gerade nicht die Kritik, die er an Freges Buch Grundlagen der Arithmetik geübt hatte, sondern seine eigene systematische Stellungnahme hinsichtlich der Begründung der Arithmetik. Ausgehend von dieser Einsicht werde ich auf ein wichtiges Spezifikum von Husserls Erstlingswerk (Philosophie der Arithmetik) aufmerksam machen, das voreiligen Interpretationen einen Riegel vorschiebt: Dieses Buch ist ein Mosaik aus Einsichten verschiedener Arbeits- und Denkperioden des Verfassers, die sich vor allem auch in dem zweifachen Begriff der Äquivalenz zeigen. Dies knüpft an einen langen geschichtlichen Entwicklungsprozess an, der in eine von Bolzano, Lotze, Brentano und Carl Stumpf geprägte Tradition zurückführt und das Problem der Unterscheidung zwischen Sinn und Gegenstand eines Aktes betrifft
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