Tijdschrift Voor Filosofie 40 (1):78 - 110 (1978)

Abstract
Merleau-Ponty hat in keiner seiner Schriften eine systematische Hermeneutik ausgearbeitet, doch finden sich in fast allen seinen Arbeiten Bemerkungen über hermeneutisch relevante Sachverhalte. Dies gilt vornehmlich für Passagen über die Erfahrung anderer Subjektivität, über die dialogische Erfahrung und über das Produzieren und Verstehen sprachlicher Äusserungen. In diesem Beitrag wird versucht, Merleau-Ponty's Auffassungen hinsichtlich der Fragen nach Sinn, Genesis und Struktur des Verstehens vorzustellen. Hierbei wird in erste Linie das Problem berücksichtigt, was sich eigentlich vollzieht, wenn man als Leser die Bekanntschaft eines klassischen, bzw. ursprünglichen Werkes macht. Das Werk spricht eine neue Sprache (parole parlante, langage conquérante), die die vorgegebene Sprache (parole parlée, langage institué) neugestaltet, so wie auch die in der neuen Sprache sich niederschlagende Erfahnings- und Gedankenwelt unsere alten Gedanken auflöst und uns eine neue Sicht auf die Wirklichkeit vermittelt. Hermeneutisch relevant ist, dass der Sinn dieser parole pensante, bzw. der pensée parlante niemals vollständig gegeben ist, noch auch durch welche Auslegung dann auch je erschöpft werden kann. Das bei der Lektüre eines solchen ursprünglichen Werkes sich bildende primäre Verständnis ist als Grundlage einer sekundären Verstehensleistung anzusehen, die das Thema der Hermeneutik, insofern sie Auslegungskunst ist, darstellt. Die Rekonstruktion des ursprünglichen Sinnes eines solchen Werkes ist in den Augen Merleau-Ponty's nicht nur in ihrer Möglichkeit beschränkt, sie ist vielmehr auch nur von untergeordneter Bedeutung. Was das erste betrifft, so sieht sich jeder solcher Rekonstruktionsversuch, (der bei der Restitution des ursprünglichen Textsinnes auch die Biographie des Autors und den historischen Kontext zu berücksichtigen hat – das Werk muss ja als Antwort auf Fragen verstanden werden, die sich im Lebenszusammenhang einer Zeit gestellt haben –) mit der Tatsache konfrontiert, dass die Gedanken und Erfahrungen, die sich in einem Werk niedergeschlagen haben, häufig so sehr miteinander verwoben sind, zum andern sich im Laufe des Lebens ihres Urhebers sich verändern, dass ihre völlige Inventarisierung zu einer unmöglichen Aufgabe wird. Zudem gehört zum Sinn eines solchen Werkes auch die Wirkung, die es in der Nachwelt hervorgerufen hat. So ist der „Wahre Descartes” keine gleichsam sich selbst erhellende Ganzheit, kein absoluter Entwurf im Sinne Sartres – sondern das Ganze von Leben, Werk und Interpretationen, das niemals definitiv entziffert werden kann. Für Merleau-Ponty ist der Sinn in fortwährendem Werden begriffen. Hierin ist jedoch auch die Bedeutung der wahren Interpretation, bzw. des wahren Denkens gelegen. Wichtiger als die in sich begrenzte Möglichkeit der Rekonstruktion ist dann auch das „penser derechef”. Merleau-Ponty beruft sich ausdrücklich auf einen Gedanken von Heidegger, demzufolge der Sinn des Denkens vor allem darin gelegen ist, das noch Ungesagte und Ungedachte in einem klassischen Werk zu entfalten. In der Tat prägt dies auch die Weise, in der Merleau-Ponty mit dem Werk Husserls oder anderer Denker umgeht. Es ist Merleau-Ponty leider nicht mehr gegeben gewesen, die rudimentären Bemerkungen über die Geschichte der Philosophie, die sich in seinem letzten Werk finden, weiter auszuarbeiten, noch auch alle Konsequenzen seiner Hermeneutik zu durchdenken, in der das Fundament der Wahrheit sowohl in der Zeit lokalisiert bleibt als auch zugleich einer die Zeit überspannenden Teleologie eingefügt ist
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