Empfehlen und Vertrauen

In Wissensproduktion und Wissenstransfer in Zeiten der Pandemie. Der Einfluss der Corona-Krise auf die Erzeugung und Vermittlung von Wissen. (forthcoming)
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Abstract

Der Erfolg von Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie ist abhängig vom Vertrauen der Öffentlichkeit in wissenschaftliche Experten. Zwar ist Vertrauen als Einstellung gegenüber Experten im Zusammenhang mit der Pandemie bereits viel Aufmerksamkeit zuteilgeworden, allerdings meist in Bezug auf das Vertrauen, das Laien Äußerungen wie Behauptungen und Mitteilungen entgegenbringen, die ihnen das Wissen der Experten zugänglich machen sollen. Dieser Aufsatz stellt dagegen eine andere Art der Äußerung in den Mittelpunkt: die Empfehlung. Im Zusammenhang mit der Pandemie haben Forderungen gegenüber der Politik wissenschaftsbasiert zu verfahren zugenommen. Gleichzeitig sind Politikerinnen und Politiker aber nicht das Sprachrohr der Wissenschaft, sondern übernehmen Verantwortung für eine wissenschaftsbasierte Gesundheitspolitik, unter anderem indem sie Bürgerinnen und Bürgern bestimmte Handlungen empfehlen. Damit erhebt die Politik allerdings den Anspruch, dass Bürgerinnen nicht nur glauben sollten, was ihnen von den Experten gesagt wird, sondern auch, dass sie tun sollten, was von ihnen im Rahmen der Maßnahmen verlangt wird. Ziel dieses Aufsatzes ist es daher zu zeigen, dass Empfehlungen eine Konzeption von Vertrauen erfordert, die sich vom Vertrauen im Kontext von Mitteilungen und Behauptungen stark unterscheidet. Es geht nicht nur darum, diese Art von Vertrauen genauer zu spezifizieren, sondern auch darum zu erklären, unter welchen Voraussetzungen es vernünftig ist, wissenschaftsbasierten Empfehlungen der Politik mit Vertrauen zu begegnen. Dazu gehe ich folgendermaßen vor: In Abschnitt 1 analysiere ich zunächst den Sprechakt des Empfehlens. Das dadurch gewonnene Grundverständnis von empfehlenden Sprechakten untersuche ich dann im Kontext von Empfehlungen wissenschaftlicher Experten während der Covid-19-Pandemie (Abschnitt 2) und plädiere dann dafür, dass eine Analyse der an eine breite Öffentlichkeit gerichteten Empfehlungen am besten bei Äußerungen von Politikern ansetzen muss, die sich auf das kompetente Urteil wissenschaftlicher Expertinnen und Experten beziehen (Abschnitt 3). In Abschnitt 4 diskutiere ich dann die Gründe, die ein Hörer haben könnte, eine solche Empfehlung anzunehmen, bevor ich in den Abschnitten 5 und 6 die für Empfehlungen relevante Form des Vertrauens herausarbeite. Abschnitt 7 diskutiert die Auffassung, dass Vertrauen in wissenschaftsbasierte Empfehlungen nur durch die Anerkennung der Sprecherin im Sinne einer guten Ratgeberin als rationale Einstellung ausgewiesen werden kann, bevor ich abschließend argumentiere, dass diese Rationalitätsbedingungen im Kontext der COVID-19-Pandemie nur schwer einzulösen waren.

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